Stärken und Grenzen von AI im Design
Du hast eine Design mit AI erstellt. Du hast gesehen, was es kann. Jetzt musst du verstehen, wo es wirklich glänzt — und wo es scheitert. Das ist die Reflexion, die dich vom experimentierenden Anfänger zum Praktiker macht.
Die Stärke-Schwäche-Matrix des AI-Design
Wenn du jetzt mit einem echten Designer über AI-Design sprichst, hört du wahrscheinlich zwei extreme Positionen:
Position 1: »AI-Design ist Zukunft. Designer werden überflüssig.« Position 2: »AI-Design ist Müll. Echter Designer macht echte Arbeit.«
Beide sind falsch. Die Wahrheit ist subtiler. Und sie führt zu einer interessanten Frage: Wenn wir verstehen, was AI im Design gut kann und was nicht, können wir es besser einsetzen.
Die drei großen Stärken von AI im Design
Stärke 1: Variations-Geschwindigkeit
Das ist die offensichtliche. Ein menschlicher Designer braucht Stunden oder Tage, um zehn verschiedene Logo-Richtungen zu probieren. AI braucht Minuten.
Warum ist das so wichtig? Weil Variation Innovation erzeugt. Je mehr Optionen du siehst, desto mehr Ideen kombinierst du mental. Je schneller du iterieren kannst, desto schneller findest du die gute Lösung.
Stell dir vor: Ein Designer, der manuell arbeitet, kann an einem Tag vielleicht zwei bis drei unterschiedliche Logokonzepte probieren. Mit AI kannst du zwanzig probieren. Das ist nicht »besser«, aber es ist eine andere Kategorie von Arbeit. Das ist Brainstorming statt Durchführung.
Und hier ist der Trick: Viele großartige Designs entstehen nicht aus einem Plan. Sie entstehen aus Variation. Du siehst fünf Optionen, eine davon inspiriert dich zu einer völlig neuen Idee, die besser ist als alle fünf.
Stärke 2: Stil-Exploration
Sagen wir, du willst verstehen, wie dein Produktkonzept in verschiedenen visuellen Stilen aussieht: minimalistisch, vintage, futuristisch, handgezeichnet, Pixel-Art.
Mit echtem Design: Du bräuchtest fünf verschiedene Designer oder einen Designer mit fünf Wochen Zeit.
Mit AI: Du schreibst fünf Prompts und hast in einer Stunde fünf verschiedene Stilrichtungen.
Das ist besonders wertvoll in der Konzeptphase. Du entdeckst, welcher Stil zu deinem Produkt, deinem Publikum, deiner Marke passt. Das ist keine endgültige Arbeit. Das ist Recherche. Und in dieser Phase ist AI unglaublich effizient.
Stärke 3: Concept-Generation
Das ist subtiler. AI ist gut darin, dir visuelle Konzepte zu zeigen, die du vielleicht nicht selbst erfunden hättest.
Du schreibst: »Ein Logo für eine Nachhaltigkeit-App. Erdfarben. Organische Formen.« Die AI zeigt dir zehn verschiedene Interpretationen. Acht sind Standard (Blatt, Erde, Globus). Aber zwei sind unerwartet: Eine zeigt eine Spirale, die nach innen führt (»Zyklus«). Die andere zeigt verschlungene Hände (»Zusammenarbeit«).
Diese Überraschungen sind wertvoll. Sie können dich inspirieren, eine Richtung zu erkunden, die du sonst nicht hättest gedacht. Das ist nicht, dass AI der Designer ist. Das ist, dass AI ein Brainstorming-Partner ist.
Die drei großen Grenzen von AI im Design
Grenze 1: Brand Consistency
Hier beginnt es kritisch zu werden. Die AI kann ein einzelnes Logo generieren. Aber kann sie ein ganzes Brand-System generieren, in dem Logo, Farben, Typografie, Icon-Set und Muster alle zueinander passen?
Theoretisch ja. Praktisch: nicht wirklich. Die AI versteht nicht, dass ein Logo für ein Fintech-Unternehmen ein bestimmtes »Vertrauen«-Gefühl braucht, das sich durch alle visuellen Elemente ziehen muss.
Wenn du der AI sagst: »Generiere ein Logoset für eine Bank«, generiert sie wahrscheinlich zehn einzelne schöne Logos. Aber sie wird nicht verstehen, dass diese Logos zusammen einen kohärenten Brand-Eindruck schaffen müssen, der sich auf die Website, auf Dokumente, auf Social Media überträgt.
Das ist eine echte Limitation. Es ist nicht, dass die AI nicht versucht. Es ist, dass sie kein Verständnis für die psychologische Konsistenz hat, die echte Branding braucht.
Grenze 2: Originalität und Authentizität
Die AI wurde auf Millionen von existierenden Designs trainiert. Das bedeutet: Sie ist zu 99% ein »Mixer« bestehender Ideen, nicht ein Erfinder neuer Ideen.
Ein Problem: Wenn viele Designer mit der gleichen AI arbeiten, entstehen ähnliche Designs. Die Trends der letzten fünf Jahre vermischen sich in den AI-Modellen, und die AI reproduziert sie.
Das heißt nicht, dass ein AI-Design »unoriginell« ist. Aber es heißt, dass es schwerer ist, mit AI etwas wahrhaft Einzigartiges zu schaffen. Die AI tendiert zu »gut für heute«, nicht zu »noch nie gesehen«.
Das ist besonders kritisch bei Premium-Brands, die Originalität brauchen. Ein Luxus-Fashion-Brand kann sich nicht auf AI-Design verlassen, weil Originalität Teil der Brand-DNA ist. Eine Startup-App, die schnell Wireframes braucht? Perfekt für AI.
Grenze 3: Refinement und Details
Die AI kann ein Logo generieren. Kann sie es verfeinern? Teilweise ja, aber es wird schnell mühsam.
Du siehst ein AI-generiertes Logo und denkst: »Der Curve hier ist fast richtig, aber nicht ganz.« Jetzt musst du wieder schreiben, verfeinern, generieren. Mit menschlichem Designer: Er ändert die Kurve um ein paar Pixel. Mit AI: Du musst den Prompt neu schreiben und hoffen, dass die AI deine Intuition versteht.
Das wird noch kritischer bei komplexen Designs (Layouts, Animationen, Icon-Sets). Die AI kann einen ersten Entwurf generieren. Aber die feine Arbeit — die macht immer noch der Mensch besser.
Drei Realitäts-Checks: Fragen, die dir helfen, AI im Design richtig zu nutzen
Reality-Check 1: Ist dies eine Exploit-Phase oder eine Execution-Phase?
- Exploit-Phase: Du erkundest, experimentierst, findest Richtungen. Das ist AI-Zeit.
- Execution-Phase: Du verfeinert, optimierst, machst es perfekt. Das ist Mensch-Zeit.
Wenn du noch nicht weißt, welcher Stil für dein Produkt richtig ist, nutze AI um zehn Varianten zu sehen. Wenn du genau weißt, wie es aussehen soll, und brauchst nur noch Feinarbeit, brauchst du einen echten Designer.
Reality-Check 2: Wie wichtig ist Originalität für diese Aufgabe?
- Hochste Wichtigkeit (Luxus-Brand, Kunstwerk, Konkurrenz-Differenzierung): Mensch am besten.
- Mittlere Wichtigkeit (Standard-App, internes Projekt): AI + Mensch.
- Niedrige Wichtigkeit (Prototype, Mockup, Draft): AI allein.
Reality-Check 3: Wie viel Iteration brauchst du?
- 1-2 Iteration bis perfekt: Macht der Mensch effizienter.
- 10+ Iterationen: Macht die AI effizienter (Zeit sparen).
Cross-Link: Design vs. Text, Musik, Video, Bilder, Code
Erinnere dich aus K01-K07:
- Text (K01): AI schreibt Draft schnell. Mensch poliert.
- Musik (K02): AI generiert Komposition. Mensch arrangiert.
- Bilder (K03): AI generiert Variation. Mensch wählt.
- Video (K04): AI generiert Motion. Mensch verfeinert.
- Code (K05): AI generiert Struktur. Mensch debuggt.
- Design (K08): AI generiert Variation. Mensch entscheidet.
Das Muster ist klar: AI ist ein Multiplikator für Brainstorming und Exploration. Mensch ist der Entscheidungsträger und Verfeinerer.
Design folgt diesem Muster perfekt. Die Stärke von AI-Design ist nicht »Design macht«, sondern »100 Design-Optionen zeigt«. Deine Stärke ist: »Die beste aussuchen. Sie richtig kombinieren. Sie in die Wirklichkeit bringen.«
AI ist im Design ein brillanter Brainstorming-Partner, aber kein Designer. Sie ist schnell, variativ, inspirierend. Sie ist nicht kohärent, nicht original, nicht feindetailliert. Die Kunst ist, zu wissen, wann man der AI vertraut und wann man selbst denkt.